flatexDEGRIO stellv. CEO & COO Muhamad Chahrour im Interview
15.08.23 10:53
Stephan Heibel

Mitten im Urlaub erreichte mich die Meldung, dass der stellvertretende CEO und COO von flatexDEGIRO, Muhamad Chahrour, zum Ende des Jahres das Unternehmen verlassen möchte. Die Aktie brach als Reaktion auf die Meldung zunächst kräftig ein, erholte sich seither jedoch wieder.
Spontan haben wir ein Interview geführt, dessen wichtigste Aussagen ich Ihnen heute vorlege. Am Ende des Kapitels finden Sie einen Link zum Transkript des vollständigen Interviews.
Da ich, wie die Heibel-Ticker Mitglieder wissen, einen guten
Kontakt zum Unternehmen und zu Herrn Chahrour habe, nahmen wir uns
die Zeit und
ließen die vergangenen Jahre von flatexDEGIRO Revue passieren,
plauderten über die Herausforderungen seiner Tätigkeit und über
die aktuelle Positionierung seines Unternehmens. Natürlich
interessierte mich auch, wie es mit ihm weitergehen wird, immerhin
ist er mit seinen 37 Jahren trotz seiner beeindruckenden
Leistungen erst am Anfang seiner Karriere.
Wenn die Aktie so stark einbricht (vorübergehend -11%), dann
hat es den Anschein, als sei die Entscheidung überraschend.
Chahrour dazu:
"Normalerweise wacht man morgens nicht auf einmal auf und
denkt, ich will jetzt was Neues machen, sondern es ist schon ein
Stück weit ein Prozess... Im letzten Jahr mussten wir familiäre
Schicksalsschläge verkraften, wir haben beide Väter verloren.
Und natürlich kommen dann auch professionelle Fragestellungen
dazu. Inwiefern passt eigentlich noch die Strategie des
Unternehmens zur persönlichen Strategie und zur Entwicklung, die
man für sich selbst eventuell glaubt, die Richtige zu sein?"
"Die Aktienkursreaktion, ich muss ehrlicherweise sagen, das ist
immer ein bisschen bittersweet [süßsauer]. Ich weiß nicht, warum
der Markt schlussendlich so reagiert hat... Es tätschelt
natürlich das Ego, wenn der Markt enttäuscht reagiert, weil es
ein Vertrauensbeweis in meine Arbeit und meine Person
darstellt... Auf der anderen Seite leidet das eigene Depot und
meine eigene flatexDEGIRO Position. Ich bin mir aber sicher,
dass meine Kollegen die richtigen Schritte gehen werden und der
Aktienkurs sich wieder erholen wird."
Zum Zeitpunkt des Eintritts von Muhamad Chahrour stand die
Aktie bei Split bereinigt 3,60 EUR, heute bei 9 EUR, das sind
+150%. Der Umsatz hat sich von 75 Mio. EUR im Jahr 2015 auf
heute über 400 Mio. EUR mehr als verfünffacht. Der Gewinn (EBITDA)
von 20 Mio. EUR auf 150 Mio. EUR hat sich mehr als versiebenfacht.
Und die Kundenzahl von 200.000 auf jetzt 2,6 Mio. ist um das
13-fache angestiegen. Sie konnten In Ihrer Zeit also hohe
Wachstumsraten genießen, haben diese sicherlich teilweise auch
selbst angetrieben.
"Erstmal war es ein Privileg im Jahr 2015, eine wie man im
Englischen sagt „Tom-Dick and Harry” Bude, die als Broker gut in
Deutschland und Österreich positioniert war, zum europäischen
Marktführer weiterzuentwickeln."
Herr Chahrour hat die Übernahme der XCOM bis betreut, durch die
flatex eine Vollbanklizenz erhielt.
"Ganz spannend war, dass ich mich dann um die restlichen 40%+
kümmern durfte, die ich dann sukzessive über zweieinhalb Jahre
von unzähligen Aktionären gekauft habe. Es gab über 100
Minderheitsaktionäre, die alle so ein paar Anteile gehalten
haben, von 10 Stück bis zu knapp hunderttausend Stück. Die dann
nach und nach einzusammeln, war wirklich ein hartes Stück
Arbeit, die dann auch erfolgreich mit dem Squeeze out, dem
Spruchverfahren und der Einigung im Spruchverfahren
abgeschlossen werden konnte. Aber auch da bin ich rückblickend
sehr zufrieden, dass wir den gesamten Prozess innerhalb eines
Jahres durchlaufen konnten."
Später wurde durch die DEGIRO der europäische Markt
erschlossen.
"Erstmal war es ein Privileg im Jahr 2015, eine wie man im
Englischen sagt „Tom-Dick and Harry” Bude, die als Broker gut in
Deutschland und Österreich positioniert war, zum europäischen
Marktführer weiterzuentwickeln... Ein solches Wachstum macht
etwas mit einer Organisation. Die ersten Jahre kannte ich
gefühlt jeden Mitarbeiter oder Mitarbeiterin. Das ist mit 1.300
Mitarbeitern nicht mehr möglich. Nichtsdestotrotz haben wir es
geschafft, und das ist, glaube ich, auch der Kern des Erfolges
gewesen, das Ganze iterativ zu machen. Es gab nicht diesen einen
Sprung, den wir gemacht haben, der alles verändert hat, sondern
wir haben es geschafft, uns Schritt für Schritt
weiterzuentwickeln."
Über die Zukunft von flatexDEGIRO:
"Das Unternehmen wird weiterhin sehr erfolgreich sein. Sie
haben es gerade gesagt, 8-9% Marktanteil in Europa. Wir haben
den Marktanteil schon annähernd an die 10% gebracht über die
letzten Jahre hinweg. Ist es möglich, einen Marktanteil von 20%
zu kriegen? Ja, natürlich ist das möglich."
Über seine Herausforderungen:
"... wir [haben] Unternehmen verkauft, bspw. die Aktionärsbank,
wir haben Akquisitionen durchgeführt, wir haben einen Squeeze
out gemacht, wir haben Spruchverfahren gehabt und wir haben die
Organisationsstruktur drastisch vereinfacht. Wir haben dann das
Prospektverfahren gestartet für das Up-Listing vom Scale Segment
ins Prime Segment und schließlich der Aufstieg in den S-DAX."
Über seine Qualitäten:
"Ich glaube, wer mich kennt weiß, ich war nicht der typische
CFO... Ich war... immer ein sehr strategischer CFO, der auch
darüber nachdachte, wie die Vision ausschaut, wie das Produkt
ausschaut, wie das Marketing auszusehen hat. Ich glaube, einen
guten CFO macht tatsächlich aus, dass er seine Zahlenwelt auf
der einen Seite beherrscht, aber gleichzeitig eine hart
challengende [herausfordernde] Nr. 2 ist... Man erkennt meines
Erachtens ein Unternehmen mit starkem CFO daran, dass dieser
eine eigene Dynamik ins Unternehmen trägt."
"Ich verfolgte gerne CFOs wie Luka Mucic von SAP, der jetzt zu
Vodafone wechselt oder Lutz Meschke von Porsche. Gute CFOs
bringen markante Strategien ins Unternehmen und hinterlassen
nachhaltigen Eindruck, der über Geschäftsberichte und IR hinaus
geht."
Im Corona-Boom der Online-Broker wurden Wachstumszahlen
prognostiziert, die sich später als nicht machbar erwiesen. Wie
kam es dazu?
"Ich glaube, da müssen wir bedenken, auf welcher Grundlage und
wann Ziele vorgegeben werden. Die 7-8 Mio. Kunden im Zieljahr
2026 hätten impliziert, jedes Jahr mit knapp 8-900.000 Kunden zu
wachsen... wir haben 2021 800.000 Kunden gewonnen, und 2020
waren es 600.000. Jedes Jahr 7-800.000 Kunden zu gewinnen war
jetzt nicht total out of the Blue [nicht total aus der Luft
gegriffen]."
"Jetzt ist das Marktumfeld 2022 drastisch umgeschlagen,...
Daher sehe ich ihre Frage gar nicht kritisch. Es ist wichtig,
Visionen zu haben: Was wollen Sie sein? Mitläufer? Oder wollen
Sie jemand sein der einen Markt definiert? Wir wollten schon
immer derjenige sein, der den Markt definiert... Die
Verantwortung als Vorstand besteht darin, den
Entscheidungswillen zu haben, solche Ziele zu definieren, aber
auch anzupassen. Und das haben wir dann. Wir haben entschieden,
dass wir nicht mehr in absoluten Zahlen unser Wachstumsziel
ausgeben wollen, sondern eher in relativen Zahlen. Das heißt,
wir spiegeln in unserer Wachstumsgeschwindigkeit die
Marktwachstumsgeschwindigkeit wider. Wir haben also gesagt, wir
wollen eineinhalb bis zweimal so schnell wachsen wie der
Durchschnitt unserer Peergroup [Wettbewerber] und aktuell sind
wir bei 2,1-mal, also sind wir ganz gut unterwegs."
Über die Bankenregulierung in Deutschland und Europa:
"Wir haben es gesehen bei der Silicon Valley Bank, wie
vorteilhaft es ist, dass wir in Europa die LCR haben. Also die
Liquidity Coverage Ratio [Mindestanforderung an
Liquiditätsreserven für Banken]. Genau solche Fälle werden
dadurch bei uns vermieden."
"...manchmal ist man überrascht von gewissen Entscheidungen auf
europäischer Ebene. Wir haben jetzt gerade das Pfof-Verbot
[Payment for order flow] ... Ich finde es absolut absurd, dass
ganz Europa über ein Phänomen spricht, das zu 98% nur in
Deutschland existiert? Zahlungen von Börsen, Börsenmakler oder
Market Maker an Broker gibt es in den meisten europäischen
Ländern nicht... Jetzt natürlich kann man sagen, ja wir wollen
in Europa ein Leveled Playingfield haben [gleiche Bedingungen
für alle]. Aber wir haben das bereits: Die MiFiD hat das schon
ganz gut geregelt."
Über die steuerlich Förderung des individuellen Sparens für die
Altersvorsorge:
"Anstatt einfach Modelle zu kopieren, die seit Jahrzehnten
existieren, wie beispielsweise das 401k-Programm in den USA, das
ISA System und der SIP im UK, das ISK Programm in Schweden oder
das „Pension Account” in den Niederlande, fangen wir an über
neue Ideen zu diskutieren. Was ist daran so schwer, wie im UK zu
sagen: „Lieber Kunde, Du kannst jedes Jahr bis zu 20.000€
investieren und die Erträge aus diesen 20.000€ bleiben
steuerfrei. Das wäre eine Möglichkeit. Oder man nimmt eine
längere Spekulationsfrist, wie bei Immobilien, und sagt „wenn du
Aktien kaufst und die 10 Jahre liegen lässt, dann sind Erträge
aus der Veräußerung dieser Aktien steuerfrei.”"
Über die persönliche Zukunft des Muhamad Chahrour:
"Nun war ich 6 Jahre CFO, 2 Jahre CEO bei DEGIRO und seit
Jahresbeginn stellvertretender CEO & COO bei der
flatexDEGIRO AG. Ich fühle mich bereit auch eine CEO-Rolle
eines, mittelständischen Unternehmens anzunehmen. Vielleicht mit
der ähnlichen Vorgabe, aus einem 100-200 Mio. Unternehmen wieder
ein Milliarden Unternehmen zu machen... Ich habe bei der UBS und
pwc jahrelang M&A (Fusionen & Übernahmen) gemacht, viel
Zeit im Real Estate Sektor verbracht. Bei Rocket Internet habe
ich E-Commerce hoch und runter gemacht... Ich glaube, ich bringe
ein gewisses Skillset mit, das viele Unternehmen in einer
Wachstumsphase sicherlich benötigen können. Und jetzt bin ich
noch in der glücklichen Situation, das Ganze ja evident höchst
erfolgreich durchlaufen zu haben... Private Equity steht weit
oben auf der Interessensliste."
Das vollständige Interview können Sie auf Heibel-Unplugged
lesen, bitte einfach hier klicken.
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