The Winner Takes It All - SmallCap versus BigCap
10.10.23 10:29
Stephan Heibel

In den vergangenen Jahren gab es nur ein Credo: The winner takes
it all.
Dominanz der Großkonzerne und die Herausforderungen für Kleinunternehmen
Kleine Unternehmen, egal ob erfolgreich oder nicht, und egal. wie günstig sie bewertet sind, wurden von Anlegern gemieden. Ich untersuche, ob Großkonzerne einfach erfolgreicher sind, oder ob es andere Gründe für die vergleichsweise schlechte Performance der Aktien kleiner Unternehmen gibt.
Großkonzerne, also Big Cap Unternehmen, haben in den vergangenen
Jahren die Aktienmarktrallye gezogen. Apple, Alphabet, Tesla, Meta
und Amazon haben die US-Indizes auf Rekordhöhen gezogen, während
kleinere Unternehmen zurückgelassen wurden.
In Deutschland verzeichnete Linde den größten Zuwachs. Aufgrund
von Indexvorschriften konnte Linde jedoch nicht über eine
bestimmte Größe hinauswachsen, das Unternehmen ging daher in die
USA und wächst nun dort kräftig weiter. Linde fehlt nun, um den
DAX weiter nach oben zu ziehen.
Diese Tage bin ich über eine Graphik gestolpert, die diesen
Umstand schön veranschaulicht:

Abbildung 3: Kleine Unternehmen haben schlechter performt als
große
Zu sehen ist die jährliche Unter- oder Overperformance der Aktien
kleiner Unternehmen (SmallCap) gegenüber dem S&P 500. Nur 1998
liefen SmallCap Aktien im Vergleich zum S%P 500 noch schlechter
als in diesem Jahr (orangene Balken). Dabei haben wir gerade
einmal drei Viertel des Jahres hinter uns.
Suche nach Wert: Die Herausforderung, "günstige" Aktien zu identifizieren
Ich habe im vergangenen Jahr viel Zeit darauf verwendet,
"günstige" Aktien zu finden. Diese habe ich insbesondere bei den
kleineren Unternehmen gefunden: PVA Tepla,
Sto, Medios
und Nynomic.
Doch "günstig" ist derzeit nicht gefragt. Die Zinsen steigen und
Anleger vermuten bei Großkonzernen einen besseren Zugang zu
frischem Kapital. Da spielt es keine Rolle, dass ich alle kleinen
Unternehmen darauf abgeklappert habe, dass sie über ausreichen
Liquidität verfügen bzw. nur eine sehr geringe Verschuldung
besitzen, damit das hohe Zinsniveau nicht zur Belastung wird. Doch
offensichtlich war ich bereits viel zu detailverliebt, denn der
flüchtige Anleger kaufte lieber die Aktien der Großkonzerne.
Die vergleichsweise schlechtere Entwicklung im SmallCap-Bereich
hält nun schon viele Jahre an, wie Sie der Graphik entnehmen
können. Irgendwann muss es doch auch mal zu einer Gegenreaktion
kommen, sei es durch einen Ausverkauf im BigCap-Bereich, oder aber
durch eine Aufholjagd der SmallCap Aktien.
So lese ich seit einigen Wochen schon häufiger, das man die Finger
von BigCap lassen solle, denn im kommenden Jahr würden diese "ganz
sicher" schlechter laufen. "Ganz sicher" ist nur das Amen in der
Kirche. Wenn wir uns die Bewertungen der BigCap Aktien anschauen,
finden wir durchaus Gründe für die vergleichsweise bessere
Performance.
SmallCap vs. BigCap: Ein Vergleich der Aktienbewertungen
Schauen wir uns mal die Bewertungen von BigCaps an. Wie Sie
wissen, setze ich stets das Gewinnwachstum (EBITDA) ins Verhältnis
zur Bewertung (EV/EBITDA, das bessere KGV). Das EV/EBITDA darf
doppelt so groß sein wie das Gewinnwachstum. Ist die Kennziffer
für das EV/EBITDA sogar kleiner als das Gewinnwachstum, dann
erachte ich die Aktie für extrem günstig.
- Alphabet hat ein EV/EBITDA von 12,7 und ein Gewinnwachstum von 9,8%. Finde ich günstig.
- Amazon wächst mit 33% und hat ein EV/EBITDA von nur 14.
- Metas Gewinn wächst mit 36,7%, das EV/EBITDA steht bei 11: Spottbillig.
- Lediglich Apple fällt aus dem Rahmen, für 2023 wird ein Gewinnrückgang von 3,9% befürchtet, das EV/EBITDA von 21 ist aus diesem Blickwinkel zu hoch.
- Auch Tesla verzeichnet im laufenden Jahr wohl einen Gewinnrückgang von 8% und wird mit einem EV/EBITDA von stolzen 43 bewertet.
Es gibt also durchaus BigCap Aktien, die noch immer günstig
sind.
Im Vergleich dazu unsere SmallCap Aktien:
- Medios wächst im Gewinn mit 10,6% und wird mit einem EV/EBITDA von nur 6,4 bewertet.
- PVA Tepla wächst sogar mit 28% und wird mit einem EV/EBITDA von 7,7 bewertet.
- Sto befürchtet zwar einen leichten Gewinnrückgang (-2%), wird aber auf einem EV/EBITDA von nur 3,8 bewertet.
- Und Nynomic wächst mit 11,6% und wird mit einem EV/EBITDA von 9,8 bewertet.
Nun haben wir also eine ganze Riehe "günstiger" Aktien im
Portfolio, die aber leider nicht ansteigen.
Marktperzeption vs. Realität: Die Herausforderungen von SmallCaps
Eine günstige Bewertung führt dann nicht zu steigenden Kursen,
wenn etwas im Unternehmen faul ist. Deswegen schaue ich mir die
Unternehmen genau an, spreche mit den Vorständen, analysiere
Wettbewerber und Branchenereignisse und mache mir ein möglichst
genaues Bild über das Unternehmen. Wenn ich etwas Faules entdecke,
muss die Aktie raus.
Bei den vier genannten Unternehmen habe ich nichts Schlechtes
gefunden, daher befinden sie sich noch im Portfolio. Wenn ich nun
behaupte, der Markt liegt mit seiner Einschätzung falsch, werden
Sie mir antworten, dass das ein schwacher Trost ist für die
Verluste, die wir in diesen Positionen bislang erlitten haben.
Vielleicht sind wir in einem "The Winner Takes It All" Markt und
kleinere Unternehmen kämpfen wie Don Quichote gegen die
Windmühlen. Warum also nicht einfach die Positionen rauswerfen und
die erfolgsverwöhnten BigCaps ins Portfolio holen?
Nun, die Antwort finden Sie wieder oben in der Graphik: Im Crash
nach dem Platzen der Internetblase nach der Jahrtausendwende haben
sich die kleinen Unternehmen deutlich besser geschlagen als die
großen. Es gibt sie also, die Marktphasen, in denen die Kleinen
über einen längeren Zeitraum besser laufen als die Großen.
Portfoliostrategie: Anpassungen in Erwartung von Zinsänderungen
Ich habe den Eindruck, dass die stark unterproportionale Entwicklung der kleinen Unternehmen in diesem Jahr vorwiegend aufgrund der Angst der Anleger vor den steigenden Zinsen erfolgte.
Sollten wir seitens der Notenbanken das Zeichen bekommen, dass
vorerst keine weiteren Zinserhöhungen zu befürchten sind, dann
dürften gerade die kleinen Unternehmen aufholen. Und es ist nicht
eine Frage des "ob" die Zinserhöhungen enden, sondern des "wann".
Deswegen bleiben diese kleinen Titel also weiterhin im Portfolio.
Parallel dazu habe ich in den aktuellen Ausverkauf ein paar große
Aktien eingekauft, wie bspw. Palo
Alto und Nvidia.
nun schauen wir mal, ob der Oktober zu einem Crash-Monat wird,
oder aber seinem saisonalen Muster folgt und sich nun endlich
erholt.
Arbeitsmarktdaten: Positive Signale und ihre Auswirkungen auf die Zinspolitik
Letzte Woche wurden Arbeitsmarktdaten veröffentlicht, die
überraschend gut waren: Es wurden mehr neue Stellen geschaffen als
erwartet. Die Arbeitslosenquote verbleibt bei niedrigen 3,8% und
die Löhne steigen weiter moderat an - wenngleich auch verlangsamt.
Die heutigen Zahlen werden dahingehend interpretiert, dass die Fed
nun nicht um eine weitere Zinserhöhung herum kommt. Es war quasi
der letzte Strohhalm, nach dem die Bullen griffen.
Trotzdem fand kein Crash statt. Wie weiter oben gesagt: Gewissheit
ist auf Basis der extrem negativen Stimmung wichtiger als positive
Meldungen. Also auch diese negative Meldung reicht heute
offensichtlich schon aus, um den Markt nach oben zu bewegen.
Gestern blieben die US-Finanzmärkte aufgrund des Feiertags
Columbus Day geschlossen. Der Druck, der seit Wochen seitens des
Anleihemarktes auf den Aktienmarkt ausgeübt wird, erfährt also
eine Pause. Vielleicht reicht das ja schon aus, um ab Dienstag
dann einen Stimmungswechsel herbeizuführen.
Vorbereitung auf potenzielle Marktbewegungen
Es mag zwar alles chaotisch aussehen, wie in Kapitel
2 beschrieben. Dennoch halte ich das Chaos lediglich für
ausreichend, die Aktienmärkte durch den Sommer unter Druck zu
halten. Die Crashgefahr ist meiner Einschätzung nach gering, weil
zum einen die negativen Entwicklungen seit langem bekannt sind und
die Stimmung zum anderen bereits auf Extremniveau notiert. Aber
auch das Pulverfass
Naher Osten sollte berücksichtigt werden.
Für den Fall eines weitergehenden Ausverkaufs haben wir noch 2,5%
Cash im Portfolio, die ich dann vermutlich in einen DAX-Call
setzen würde.
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