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Fr, 17. April 2026, 21:08 Uhr

Weltwirtschaft am Rande einer Rezession


10.10.11 13:06
Bank Sarasin & Cie AG

Basel (aktiencheck.de AG) - Der Research-Ausblick "Global View" der Bank Sarasin für das vierte Quartal 2011 sieht die Weltwirtschaft am Rande einer Rezession.

Die Schuldenkrise in Europa und die Rezessionsängste in den USA würden die Risikoaversion der Investoren in den nächsten Monaten auf einem hohen Niveau halten. Entweder die Wirtschaftspolitik greife jetzt beherzt ein oder eine Rezession könne nicht mehr abgewendet werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die US-Notenbank (FED) würden gezwungen sein, mit einer lockeren Geldpolitik der Wirtschaftsabkühlung entgegenzutreten. Ein drittes Geldlockerungsprogramm (Quantitative Easing - QE3) durch die amerikanische Notenbank sei sehr wahrscheinlich und die EZB werde weiter spanische und italienische Staatsanleihen aufkaufen müssen.

Aufgrund der hohen Makrorisiken sei für Anleger allgemein Vorsicht geboten. Defensive Aktien aus den Sektoren Verbrauchsgüter und Gesundheit würden noch Potenzial zeigen - ebenso Gold. Aufgrund der aktuellen Wachstumsabschwächung dürfte es sich für Anleger lohnen, geduldig auf die Trendwende zu warten.

Die globale Wachstumsverlangsamung habe die Sorgen über die weltweite Staatsverschuldung akzentuiert und das Wirtschaftsvertrauen erschüttert. Die geplanten Sparmaßnahmen der Regierungen in den USA sowie in Europa dürften in den nächsten Quartalen das Wachstum weiter bremsen, falls keine neuen Fiskalpakete beschlossen würden. Im vierten Quartal werde sich entscheiden, ob die Weltwirtschaft in eine Rezession falle oder ob diese im letzten Moment noch abgewendet werden könne.

Einen großen Anteil an der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums habe nicht zuletzt die Anspannung im Bankensystem, die mit der Euroschuldenkrise einhergehe. Mit der Ansteckung von Spanien und Italien sei die Schuldenkrise in eine neue Phase eingetreten. Insbesondere Italien sei zu groß, um vom Euro-Rettungsschirm finanziert zu werden, ohne dass auch die Bonität von Frankreich und Deutschland leide. Durch eine auf EU-Ebene koordinierte Fiskalpolitik und Garantie für gemeinsame Anleihen, könnte das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen werden. Ein Schuldenschnitt Griechenlands würde jedoch zu einer weiteren Ansteckung führen und eine ähnliche Bankenkrise wie nach dem Lehman-Bankrott auslösen.

"Die hochverschuldeten Eurostaaten drehen sich in einem Teufelskreis. Je mehr ein Staat spart, desto schwächer das Wachstum. Je schwächer jedoch das Wachstum, desto größer die Zweifel daran, dass das Land aus seinen Schulden wird herauswachsen können und desto höher die Risikoprämien. Am Schluss werden die Erwartungen selbsterfüllend: Weil Investoren die Staaten nicht mehr für solvent halten und höhere Zinsen verlangen, sind sie auch nicht mehr solvent", so Dr. Jan Amrit Poser, Leiter Research und Chefökonom der Bank Sarasin.


"Falls überzeugende politische Maßnahmen die Stimmung an den Finanzmärkten und somit auch in der realen Wirtschaft im vierten Quartal 2011 positiv beeinflussen werden, dürfte der Risikoappetit der Anleger wieder steigen und eine Erholung wäre möglich. Falls aber die Politik versagt, müssen die Anleger mit weiteren Rückschlägen an den Finanzmärkten rechnen. Aufgrund der hohen politischen Unsicherheit bleiben wir in unserer Anlagepolitik deutlich untergewichtet in Risikoanlagen", so Philipp E. Bärtschi, Chefstratege der Bank Sarasin.

Die enttäuschende Entwicklung der US-Wirtschaft habe die US-Notenbank gezwungen, ihre Geldpolitik weiter zu lockern. Neben der bereits bestätigten Weiterführung der Tiefzinspolitik und der angekündigten Operation Twist sei aus Sicht der Sarasin-Analysten auch ein QE3 wahrscheinlich, da sich die US-Wirtschaft weiter abkühlen dürfte. Im Gegensatz zur US-Notenbank sehe sich die EZB nicht nur mit einer empfindlichen Wachstumsabkühlung konfrontiert, sondern auch mit einem markanten Zinsanstieg auf italienischen und spanischen Staatsanleihen. Die EZB werde wohl auch im vierten Quartal 2011 gezwungen sein, Staatsanleihen aufzukaufe, um die italienischen und spanische Zinsen unter der gefährlichen Schwelle von 5,5 Prozent zu halten. Eine Trendumkehr im Konjunkturzyklus sei nur zu erwarten, falls ein QE3-Paket initiiert wrtfr oder sich eine Lösung der Schuldenproblematik in der Eurozone abzeichne.

Im dritten Quartal hätten die globalen Aktienmärkte über 20 Prozent an Wert eingebüßt. Falls die Aktienmärkte im vierten Quartal wieder steigen würden, sollten Anleger vorsichtig bleiben und nur auf den Zug aufspringen, falls gleichzeitig ein Rückgang der Kreditrisikoprämien sowie eine Verbesserung der Makro-Indikatoren festzustellen sei. Allgemein dürfte es sich aufgrund der hohen Währungsunsicherheiten für die meisten Anleger lohnen, nahe am Heimmarkt zu bleiben, um eine überdurchschnittliche Schwankung des Aktienportfolios zu vermeiden.

Aufgrund der hohen Makrorisiken sei jedoch allgemein Vorsicht geboten, wobei die defensiven, aber trotzdem wachstumsstarken Sektoren Verbrauchsgüter und Gesundheit aktuell am meisten Potenzial zeigen würden. Daneben seien auch im Technologiesektor defensive Qualitäten zu erkennen, welche bei einer Wachstumsverlangsamung zum Vorschein kommen sollten. Von der Bewertung her am attraktivsten seien mittelfristig die Emerging Markets.

Die sich eintrübenden Wachstumsaussichten und die steigende Risikoaversion sollten auch Anleger in Rohstoffen vorsichtiger werden lassen. Da sich Rohstoffe sehr zyklisch verhalten würden, allen voran die Basismetalle und Energierohstoffe, würden diese Wachstumssorgen auch auf den Rohstoffpreisen lasten. Gerade der Kupferpreis, häufig auch "Dr. Copper" genannt als Ökonom mit der besten Prognosefähigkeit, reagiere sehr sensibel auf die Veränderung der Wachstumserwartungen und gelte neben den Zinsen als verlässlicher Marktindikator. Es gebe aber auch Aufwärtsrisiken, sofern eine dritte Runde quantitativer Geldpolitik (QE3) der US-Notenbank erfolge. Wobei die Ankündigung einer solchen Maßnahme noch vor Ende des Jahres wahrscheinlich sei. Dies dürfte - wie QE1 und QE2 gezeigt hätten - vor allem die Preise der weniger zyklischen Rohstoffe, wie Gold oder Agrargüter, unterstützen.

Auch beim Goldpreis würden die Risiken für Preisschwankungen steigen. Bei den hohen Preisnotierungen seien daher temporäre Gewinnmitnahmen wahrscheinlich. Es sei jedoch zu erwarten, dass die Nachfrage nach Gold weiter zunehme. Die Sarasin-Analysten würden dafür hauptsächlich drei Faktoren sehen: Die weltweite Geldpolitik, die starke Nachfrage aus den aufstrebenden Ländern und hohe Unsicherheiten über die aktuelle Staatschuldenproblematik. Fazit: Fallende Preise sollten als Kaufgelegenheit genutzt werden. (10.10.2011/ac/a/m)





 
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