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Sa, 18. April 2026, 15:53 Uhr

Pharmabranche vor Umbruch?


02.08.04 14:46
turyinvest.com

Der MSCI Healthcare Index, als Indikator für die Entwicklung der Pharma- und Biotechnologiebranche, liegt derzeit rund ein Prozent im Plus (in Euro per 29. Juli), so Experten von "Tury Invest".

Der Sektor, der über Jahre und Jahrzehnte für hohe und stabile Wachstumsraten gestanden habe, komme also weiterhin nicht so recht vom Fleck. Das stärkste Argument für ein Investment in die Pharmabranche, nämlich die demographische Entwicklung in den Hauptmärkten Japan, Europa und USA gelte zwar unvermindert, jedoch wachse die absolute Anzahl der über 55-jährigen "nur" mit 0,5% bis 1% pro Jahr. Derzeit werde dieser natürliche Wachstumsschub von anderen Faktoren negativ überlagert.

Jami Rubin, Pharma-Chefanalystin von Morgan Stanley, weise darauf hin, dass vier der sechs unter Beobachtung stehenden Pharmaaktien (Pfizer, Wyeth, Merck und Schering-Plough) derzeit unter ihrem inneren Wert notieren würden. Für die europäischen Counterparts gelte Ähnliches. Der Pessimismus, den diese Bewertung widerspiegele, komme nicht von ungefähr.

Wie schon in anderen Tury-Reports erwähnt, nehme die Anzahl der neu eingereichten Wirkstoffe beständig ab. Auch die Anzahl der von den Behörden neu zugelassenen Medikamente befinde sich historisch gesehen auf einem sehr tiefen Stand. Dies gelte, obwohl die Ausgaben für Forschung und Entwicklung ständig zunehmen würden.

Ende der 90er Jahre sei der bislang letzte Schub an neu zugelassenen sehr erfolgreichen Medikamenten zu verzeichnen gewesen. Präparate wie Lipitor, Zyprexa, Celebrex oder Enbrel hätten sich allesamt zu, Blockbustern entwickelt und würden hohe Gewinne abwerfen. Danach (2001-2003) sei jedoch eine noch größere Welle an Patentabläufen gefolgt, der die Branche nur noch wenig an Innovationen entgegenzusetzen gehabt habe.

In Hoffnungsmärkten, wie Onkologie oder Genomerforschung, seien zwar gewisse Erfolge zu verzeichnen, derzeit sei aber noch kein neuer großer Produktzyklus zu erwarten, der sich daraus entwickele. Es stelle sich die Frage, wie die Pharma-Industrie auf die Situation reagieren solle. "Kreative Unabhängigkeit" könnte die Antwort lauten. Diese aus Spezialisierung und verstärkter unternehmensübergreifender Zusammenarbeit bestehende Strategie habe insbesondere die folgenden beiden Punkte zum Ziel gebracht: - Risikoverringerung von (langwierigen) Forschungsprojekten; - Effizienzsteigerung im Marketingapparat.

Pharma-Unternehmen würden immer größer werdende Heerschaften an Sales-Leuten unterhalten, um ihre Produkte an den Patienten, bzw. den Arzt zu bringen. Gleichzeitig werde immer mehr Geld in die Forschung gesteckt, ohne dass ausreichend viele neue Wirkstoffe und Medikamente entwickelt würden. In Zeiten dünner Produkt-Pipelines und hoher Fixkosten müssten Pharma-Unternehmen neue Strategien entwickeln, um die Forschungseffizienz zu erhöhen, das finanzielle Risiko von Forschungsprojekten zu verringern und Kosten im Marketing zu sparen.

Die genannten Ziele könnten durch Spezialisierung auf der einen Seite und verstärkte Zusammenarbeit innerhalb der Branche auf der anderen Seite erreicht werden. Anders ausgedrückt: Pharmakonzerne sollten keinen Spagat zwischen Forschung und Marketing probieren, sondern sich (überwiegend) entweder als Forschungshochburg oder als Marketingpowerhause (Pfizer, Glaxo) positionieren.

Zusätzlich sei eine verstärkte Zusammenarbeit innerhalb der Branche anzustreben. Diese solle sowohl (gemeinsame) Forschung & (Weiter)Entwicklung als auch Marketingaktivitäten umfassen. Auf diese Weise könnte der seit Jahren laufende "Rüstungswettlauf" um das größte "Heer" an Sales-Leuten vor dem Ende stehen, was die Effizienz steigen und die Kosten sinken ließe.

Vorreiter dieser Entwicklung sei u.a. Bristol-Myers Squibb (BMS). Der CEO des krisengeschüttelten US-amerikanischen Pharma-Riesen, Peter Dolan, habe in den letzten Monaten wiederholt darauf hingewiesen, dass das breite "blockbuster-seeking model" der Vergangenheit angehöre und man stattdessen in ausgewählten therapeutischen Gebieten Kernkompetenzen aufbauen/verstärken möchte.

Die US-Pharmakonzerne Merck & Co und Bristol-Myers Squibb wollten gemeinsam BMS Diabetes-Medikament Muraglitazar weiter entwickeln und vermarkten. Im Rahmen der Kooperation erhalte Bristol von Merck eine Vorabzahlung in Höhe von 100 Mio. US-Dollar sowie Meilensteinzahlungen von bis zu 275 Mio. US-Dollar beim Erreichen bestimmter Entwicklungsziele.

Muraglitazar diene zur Behandlung von Blutzucker- sowie Blutfett-Anomalien bei Patienten mit Diabetes vom Typ 11. Derzeit werde das Präparat noch in einer klinischen Phase-III-Studie getestet. Die Partner hätten das Produkt nach erfolgter Zulassung gemeinsam weltweit vermarkten wollen.

Sowohl Merck als auch BMS hätten mit starker Konkurrenz für ihre Produkte durch Hersteller von preiswerten Nachahmermedikamenten (Generika) zu kämpfen und zugleich wenig neue Produkte in der Vorbereitung für die Marktzulassung. Zudem habe Merck vergangenes Jahr einen Rückschlag bei der Entwicklung eines eigenen Diabetespräparates hinnehmen müssen.

Im November habe Merck die Forschung in der späten klinischen Erprobung eingestellt, da das Produkt bei Mäusen Krebs erzeugt habe. Muraglitazar solle sowohl zur Kontrolle der Blutzuckerwerte als auch der Fettwerte des Blutes bei Altersdiabetes angewandt werden. Gegenwärtig würden Diabetesmittel nur zur Kontrolle des Blutzuckers verabreicht. Bei Diabetes, landläufig als Zuckerkrankheit bekannt, könne der Körper Kohlenhydrate wie Zucker nur unzureichend verwerten.

Verstärkte Zusammenarbeit sei das eine - Fusionen und Übernahmen seien das andere. Das verlangsamte Wachstum in der Branche könnte auch eine neue Übernahmewelle auslösen. Die zehn größten Pharmaunternehmen der Welt würden sich 49% des (verschreibungspflichtigen) Medikamentenmarktes teilen. 1997 habe sich dieser Wert auf 36% und 1993 sogar nur auf 31% belaufen. Dieser Trend der Marktkonzentration werde sich aller Voraussicht nach fortsetzen. Das Pharma-Research-Team von HSBC stufe Glaxo, Johnson & Johnson und Merck als mögliche Käufer und AstraZeneca, Eli Lilly, Novo Nordisk und Wyeth als wahrscheinliche Übernahmekandidaten ein.

Die Pharma-Branche bleibt trotz der schwierigen Situation eine interessante Branche für Investoren, jedoch muss noch stärker auf die Fundamentaldaten der verschiedenen Unternehmen eingegangen werden, um die aussichtsreich(st)en Aktien herauszufiltern, so die Experten von "Tury Invest".
(Zu Recht) habe das Hauptaugenmerk von Investoren und Analysten bei der Bewertung von Pharmaaktien auf dem jeweils bestehenden Medikamentenportfolios und der Pipeline gegolten. Verstärkte Aufmerksamkeit sollte nun jedoch auch Forschungs- und Marketingkooperationen zwischen einzelnen Pharmaunternehmen gewidmet werden.

Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:

Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.





 
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